Donnerstag, 19. August 2010

Analyse: Schalke 04

Der Verein
„Wir schießen so wenig Tore, vielleicht heißen wir deshalb auch die Knappen“, sinnierte der Gelsenkirchener Wortspielakrobat Manuel Neuer einst vor sich hin und gewann damit die Auszeichnung zum Fußballspruch des Jahres 2009. Möglich. Vielleicht aber auch deshalb, weil sie wie kein Zweiter das Talent besitzen, immer dann an der Ziellinie vorbeizuschrammen, wenn sie schon fast wie der sichere Sieger aussehen.
Auf Schalke sind die Ambitionen groß. So hat man in den letzten Jahren viele Spieler geholt, deren Verträge man nach diesen Ambitionen ausgerichtet hat, und dabei großspurig ignoriert, dass sich bei den übrigen 17 Bundesligisten dagegen die Bezahlung nach der erbrachten Leistung richtet. Überraschenderweise musste man dann zu Beginn der vergangenen Saison „Liquiditätsprobleme“ einräumen. Ups. Egal. Die Erwartungen an den (nach bewährtem Muster mit geschätzten 5 Mio. € Nettogehalt verpflichteten) Trainermessias Magath sind überschaubar und unzweideutig: die Meisterschaft!

Wer kommt, wer geht
Ein wenig ausgemistet hat Magath schon: Die Anzahl der Abgänge beläuft sich laut transfermarkt.de auf 23 Stück. Exakt die Zahl, die sich van Gaal für diese Saison als optimale Kadergröße vorstellt. Darunter einige Leistungsträger der vergangenen Spielzeit wie Kuranyi, Westermann, Bordon, Rafinha.
Dafür, dass die Geschassten angeblich zu teuer gewesen wären, hat sich der Coach nicht den günstigsten Ersatz geholt. Sowohl Raul als auch Metzelder werden nicht gerade für nen Appel und n‘ Ei auflaufen. Der Rest sollte ganz erschwinglich sein: Hoogland, Jendrisek, Uchida und Escudero. Die ersten beiden haben mit Sicherheit Bundesligaformat, wobei die Konkurrenz für Jendrisek groß ist; Uchida konnte in der Vorbereitung überzeugen und Escudero hat sich zumindest in der ersten Pokalrunde keinen nennenswerten Patzer geleistet.
Mindestens eine große Verpflichtung für die Offensive soll laut Magath aber noch kommen. Da heute über die Ticker läuft, dass der Wolfsburg – Diego Deal geplatzt ist, wird diese wohl nicht „Misimovic“ heißen. Es bleibt abzuwarten, wen Magath und Heldt da noch aus dem Hut zaubern.


Stärken & Schwächen
Das Tor ist mit Neuer erstklassig besetzt, in der Innenverteidigung geht Magath auf Risiko. Höwedes und Metzelder sind noch nicht eingespielt, dazu datieren Metzes letzte vorzeigbare Leistungen von der WM 2006. Das defensive Mittelfeld ist mit Jones, Kluge, und ab jetzt wohl auch Rakitic recht gut aufgestellt, dahinter lauert noch Matip. Über die Außen sollen Farfan, Hao und eventuell Baumjohann Druck machen. Raul übernimmt die Sturmspitze und wird flankiert von Edu, oder dem noch unbekannten Neuzugang. Eine entscheidende Frage wird sein, auf welchem Niveau Raul agiert sobald der Ligabetrieb läuft. Der Ligacup war verheißungsvoll, aber keine Messlatte für den Bundes- und Champions League-Wettbewerb.
Der erste Anzug ist definitiv konkurrenzfähig, hinzu kommt, dass Magath immer dafür gut ist, einen jungen Nachwuchsspieler aus dem Hut zu zaubern, der auf Anhieb überzeugen kann (siehe Schmitz, Moritz, Matip). Das Wehklagen über einen fehlenden Offensivakteur erscheint mir eher ein wenig Säbelrasseln im Hinblick auf die Champions League zu sein. Denn das magathsche Spielsystem der letzten Jahre war immer eher auf überfallartiges Kontern angelegt, als auf viel Ballbesitz und eigene Spielgestaltung.


Trainer & Umfeld
Der Name Magath ist mittlerweile zu einer Marke geworden, die sich dadurch auszeichnet, das Maximum aus einem Team zu rauszuholen. Dazu hat er sich im Managementbereich mit seinem alten Spezi Horst Heldt verstärkt, der die Augen nach möglichen Verstärkungen offenhalten soll.
Die Schalker Fans erwarten dieses Jahr nichts geringeres als den Titel, was die Gefahr birgt, dass es sehr schnell sehr unruhig werden könnte, wenn es nicht läuft, wie gewünscht. Alle, im Verein und drum herum, scharren schon mit den Hufen. Das wird ein konzentriertes und abgeschottetes Arbeiten, wie Magath es in Wolfsburg praktizieren konnte, nicht möglich machen.


Prognose
Schalke ist Titelkandidat. Das liegt zu 40% am Team, zu 60% am Trainer. Am Ende reicht es aber leider nur höchstens zu Platz 2.

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