Freitag, 13. August 2010

Analyse: Hamburger SV


Der Verein
Der Dino der Liga enttäuschte vergangene Saison in Anbetracht des gut besetzten Kaders. Nach fulminantem Saisonstart stand am Ende der Spielzeit nur ein magerer siebter Platz zu Buche. Fazit: Finito für Bruno, wie zuvor in Leverkusen. Man munkelt, dem ehemaligen „Pistolero von der Alm“ werden in Zukunft nur noch auf die Hinrunde beschränkte Verträge angeboten.
Die Fans haben in Hamburg in der kommenden Saison besonders viel Spaß an der Bundesliga: Der allseits beliebte, oberalternative und piratenbeflaggte FC St. Pauli ist als Lokalrivale des HSV zurück in Liga Eins.


Wer kommt, wer geht
Während mit Jérôme Boateng eine wichtige Stütze des Hamburger Defensivverbundes die Bundesliga Richtung Manchester City, dem Verein der Scheichs im Kaufrausch, verließ, konnte mit Heiko Westermann gestandener, bundesligaerfahrener Ersatz geholt werden. Abgesehen vom Schweden Marcus Berg, der vergangene Saison die Erwartungen bei Weitem nicht erfüllen konnte und nun vorerst zum PSV Eindhoven abgeschoben wurde, verließen keine wichtigen Spieler den Verein.
Alle Mannschaftsteile wurden dagegen durch Neuverpflichtungen aufgewertet. Im Kampf um den Platz zwischen den Pfosten wird der Konkurrenzkampf durch den ablösefrei geholten Jaroslav Drobny angeheizt. Neben Westermann ergänzt der junge Ex-Clubberer Dennis Diekmeier die Verteidigung. Mit dem Serben Gojko Kacar kommt von der Hertha ein vielversprechender, spielstarker Abräumer, der sich Trainer Armin Veh als Alternative zum in die Jahre gekommenen und vergangene Saison verletzungsgeplagten Zé Roberto anbietet. Im Angriff kehrt der Kameruner WM-Teilnehmer Eric Maxim Choupo-Moting zurück in den Kader der Hanseaten und beendet sein Nürnberger Intermezzo.


Stärken & Schwächen
Auf der Torwartposition hat Veh wie kein anderer Bundesliga-Trainer die Qual der Wahl. Der eher introvertierte Drobny will Frank Rost, Typ cholerisches HB-Männchen, den Stammplatz streitig machen. Zwischen zwei so erfahrenen und ähnlich starken Bundesligatorhütern muss die T-Frage in keinem anderen Erstligaclub entschieden werden. Ein Duell auf Augenhöhe mit schwer zu prognostizierendem Ausgang.
Die Abwehr ist auf den ersten Blick gut besetzt, die Frage ist, wie die einzelnen Zahnräder letztlich ineinander greifen. Ob Westermann und Mathijsen gut in der Innenverteidigung harmonieren, ist die eine Unbekannte, die konkrete Besetzung der Außenverteidigerpositionen die Andere. Schwer wird es vor allem, wenn sich einer der beiden gesetzten Innenverteidiger verletzen sollte. Nach der Ausbootung von Rozehnal müsste eigentlich zumindest noch ein starker Innenverteidiger verpflichtet werden. Als Alternative wurde im Abwehrzentrum Guy Demel ausprobiert, der aber, wie es derzeit ausschaut, zunächst den rechten Verteidiger abgeben wird, da der unerfahrene Diekmeier noch Schwächen offenbart.
Das Mittelfeld scheint durch Kacar sinnvoll verstärkt worden zu sein. Mit ihm, Jarolim und Zé Roberto ist der HSV im defensiven Mittelfeld eine der in der Bundesliga am stärksten besetzten Mannschaften. Gespannt darf man außerdem auf den von vielen Seiten umworbenen Eljero Elia sein, der sein außergewöhnliches Können wieder jüngst bei der WM in Südafrika hat aufblitzen lassen. Ein großes Fragezeichen steht hinter Piotr Trochowski (26), dem deutsch-polnischen, schießwütigen Mini-Kraftpaket. Von ihm muss definitiv eine Leistungsexplosion kommen, wenn er seinen Platz in der Mannschaft finden will. Wahrscheinlicher ist aber die Reservistenrolle, wenn Jansen und Elia gleichzeitig eingesetzt werden. Schade, dass zwei Gewinner der Vorbereitung erst einmal nicht zur Verfügung stehen werden: Heung-Min Son und Romeo Castelen. Der Südkoreaner Son zeigte sich in zahlreichen Testspielen als technisch starker und torgefährlicher Offensivspieler, bis er sich den Mittelfußknochen brach und nun bis Ende September ausfällt. Und auch Sorgenkind Castelen hat es mal wieder erwischt: Ein Knorpelschaden im Knie macht eine OP notwendig und wirft den in der Vorbereitung mitunter famos aufspielenden Niederländer einmal mehr zurück.
Die Hamburger Offensivabteilung verdient das Prädikat „besonders wertvoll“. Der Sensationscoup der Vorsaison war die Verpflichtung von Ruud van Nistelrooy. Mit ihm hat der HSV einen eiskalten, abgezockten Spieler von internationalem Format mit beeindruckender Torquote im Sturmzentrum. Paolo Guerrero hat nach einer persönlichen Seuchensaison mit Kreuzbandriss und Flaschenwurf die komplette Vorbereitung absolviert und kann wieder voll angreifen. Hinzu kommt die unbestrittene Klasse von Mladen Petric, der 2009/2010 mit (nur) acht Toren bester Hamburger Bundesliga-Torschütze war. Für den im Nürnberger Dress phasenweise stark aufspielenden Choupo-Moting bleibt voraussichtlich nur die Reservistenrolle.


Trainer & Umfeld
Armin Veh wird sehr skeptisch beäugt und startet ohne Vorschusslorbeeren. In der Tat ist fraglich, wie Veh sich genau für den Übungsleiter-Job beim HSV qualifizieren konnte. Das Arbeitszeugnis aus Wolfsburg kann bei der Hamburger Entscheidungsfindung jedenfalls nicht berücksichtigt worden sein. Da schon eher die Sensationsmeisterschaft mit dem VfB Stuttgart 2007. Für die Trainer-Karriere von Veh wird es in jedem Fall ein wegweisendes Jahr beim Hamburger SV, in dem er die wenig schmeichelhafte Wolfsburger Zeit vergessen machen möchte. Ob ihm dies gelingt, hängt nicht zuletzt auch davon ab, wie die Rückendeckung von Vorstandsboss Hoffmann im Saisonverlauf ausfällt.


Prognose
Eigentlich richtig stark, was der HSV da beisammen hat. Eine Baustelle gibt es bisher dennoch: Den Defensivbereich. Es fehlt noch ein starker dritter Innenverteidiger. Dennis Aogo interpretiert seine Außenverteidigerrolle auch sehr offensiv, womit der Hamburger Kader insgesamt zu angriffslastig ist. Zumal auch die defensiven Mittelfeldspieler allesamt eher offensiv denken. Wenn es gelingt, noch einen Innenverteidiger von Format zu verpflichten und Veh auch die Mittelfeldspieler zu disziplinierter Arbeit nach Hinten bewegen kann, ist dem HSV ein Platz in den Euro League-Rängen sicher. Bleibt man vom Verletzungspech verschont, ist aufgrund der enormen Offensivqualität sogar noch mehr möglich.

Keine Kommentare: